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„Sieh´ mich doch an! Ich bin ein verdammter Freak! Legastheniker, Epileptiker und Katholik. Was willst du von mir?“

Es war scheißkalt, als wir wieder ins Auto einstiegen. Die Sachen drinnen waren klitschnass geworden. Wir hatten vergessen, die Fenster wieder hochzukurbeln. Ben kramte mit der rechten Hand nach der Zigaretten-Schachtel, die unter seinen Sitz gefallen war. Das Radio lief in voller Lautstärke. „Dieses blöde Arschloch stirbt ausgerechnet in meinen Armen. Er wollte, dass ich so werde wie er. Ein versoffenes, bigottes Arschloch.“ Er schüttelte den Kopf, lachte bitter und zündete sich dabei eine Zigarette an.

33 Tage in diesem metallicblauen Barbie-Auto. Überall hingen Duftbäume und verströmten einen widerlich künstlichen Vanille-Geruch. 33. Eine Schnapszahl. Mir wurde übel. Wir hatten die letzte Nacht in der Toilette einer Raststätte verbracht. Es war dreckig und stank nach Pisse. Zwischen Klopapierresten und zertretenen Kippen hatten wir uns wie die Tiere gewälzt. Wütend. Obsessiv. Als wollten wir den anderen oder uns selbst für irgendwas bestrafen. Mittendrin hatte er einen seiner Anfälle bekommen, fing an sich zu schütteln, krallte sich an meinen Schultern fest und spritzte mir dabei ins Gesicht. „Fotze“, hatte er geschrien, „verdammte Fotze!“ und dann angefangen zu weinen.

Ich hatte ihn schon fast vergessen, als er eines Tages einfach vor meiner Tür stand, nach 1 ½ Jahren. Wie ein Hund stand er da, in seinen biederen Lehrerklamotten, das Gesicht grün und blau angeschwollen. „Komm“, hatte er gesagt, „wir fahren weg.“ Das war alles. Und ich war mitgegangen ohne mit der Wimper zu zucken. In diesem Moment hatte ich den Faden durchgeschnitten.

***

Die nächsten Tage fuhren wir ziellos durch die Gegend, ließen uns von einem Ort zum anderen treiben. Es war ein Rausch, wie das Fallen im Traum kurz vor dem Schreck. Wir sprachen kein Wort über das, was wir taten. Wir taten es einfach. Ben ließ sich einen Dreitagebart wachsen. Wir übernachteten in billigen Hotels oder im Auto und schliefen jeden Tag miteinander, morgens nach dem Aufwachen und abends vor dem Einschlafen. Es hatte was Beruhigendes. Die Körperlichkeit zwischen uns hielt uns am Boden. War lebensnotwendig. Am vierten Tag gabelten wir einen Anhalter auf. Ein junger Germanistik-Student mit Rasta-Zöpfen und einer Vorliebe für klassische Musik. Er drehte uns während der Fahrt Joints, referierte über Fichtes „Sittenlehre“ und zitierte Eichendorff :

„Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.“

Theo war sehr romantisch. Außerdem sprach er vier Sprachen fließend, darunter Polnisch und Ungarisch, also beschlossen wir, ihn weiter mitzunehmen. Wir wollten nach Budapest und überquerten erst die polnische, dann die slowakische, schließlich die ungarische Grenze. Budapest. Hier würde alles billiger und einfacher sein.

Wir mieteten ein kleines Appartement mit Blick auf die Donau, Theo kochte Spaghetti und ich schnitt ihm die Rasta-Zöpfe ab. Wir diskutierten über Gott und die Welt, darüber, ob beschnittene Männer die besseren Liebhaber seien oder nicht, dass die Menschen durch die inflationäre Informationsflut in den Medien ihre Sprache verloren hätten und es unsere Aufgabe sei, sie wiederzufinden. Theo hatte diesen Tick, alle Dinge, die er berührte, immer dreimal zu berühren. Drei war für ihn die magische Zahl. Alles im Leben, so meinte er, würde mit der Zahl drei zu tun haben. Geburt, Leben und Tod war zum Beispiel eine solche Konstellation. „Oder Essen, Verdauen und Scheißen.“ Den ganzen Tag konnte er über solche Sachen nachdenken und in den kleinsten alltäglichen Dingen eine transzendente Bedeutung sehen. Theo war sozusagen die Antipode zu Ben und mir – ein pathologisch intellektueller Optimist.

***

Budapest. Die Stadt hatte uns gefangen genommen. Jeden Tag gingen wir die Gassen in unserem Viertel ab, Ben fotografierte die Verkäufer in den Obstläden oder die Musiker in den Straßen, während ich mich in die kleinen schattigen Cafés zurückzog und alles aufschrieb, was ich beobachtete. Theo war überall dabei, wir spielten Vater – Mutter – Kind, gaben ihm zu essen, brachten ihn abends ins Bett, wenn er zu bekifft war, um sich selbst die Klamotten auszuziehen. Tagsüber besuchten wir die Heilquellen und Museen, abends durchforsteten wir die Hinterhöfe, Kneipen, Galerien, saugten alles auf. Es lag eine unausgesprochene Friedlichkeit in unseren Ritualen. Und es hielt eine ganze Weile an, ein stilles Arrangement zwischen uns Dreien. Ab und zu verschwand Theo tagsüber für ein paar Stunden und tauchte dann abends urplötzlich wieder bei uns auf. Wir hatten uns nichts dabei gedacht. Theo war die Büroklammer, die alles zusammenhielt. Fast eine Woche lang war er unser Begleiter. Bis er eines morgens nicht mehr da war. Das war an einem Sonntag im August.

An jenem Sonntagmorgen war es unerträglich heiß, man konnte die Hitze über der Stadt flimmern sehen. Ich hatte nachts kein Auge zu machen können, hatte unsere Sachen gewaschen und sie zum Trocknen aus den Fenstern gelegt, mich davor gesetzt, mir mit Theos Tabak eine Zigarette gedreht und auf das erste Licht gewartet. Ich hörte Bens leises Schnarchen, sah seinen nackten Körper auf dem Bett, wie ein Embryo lag er da. Ich ging zu ihm hinüber, küsste seinen Hintern und streichelte seinen Hoden, während es draußen allmählich hell wurde. Ich glaube, ich war glücklich in diesem Moment.

„Er ist weg!“, sagte Ben. „Er ist gestern nicht wiedergekommen.“ Zunächst dachten wir, Theo wäre irgendwo versackt und liege jetzt im Bett einer hübschen Ungarin, wir machten sogar Scherze darüber. Doch als er auch am Abend noch nicht wieder auftauchte, fingen wir an, uns Sorgen zu machen. Wir gingen in sein Zimmer, das Bett war unberührt, alle seine Sachen lagen verstreut im Raum, sein MP3-Player, Stifte, ein umgeklapptes, offenes Buch auf dem Boden. Sein Schlüssel für das Appartement war auf dem Tisch, auch sein Portemonnaie. Doch sein Rucksack war nicht da. Er musste ihn mitgenommen haben.

Plötzlich klopfte jemand an der Tür.

… to be continued …

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