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Es war, als wenn die Zeit ganz vorsichtig alle paar Zentimenter stoppte, bevor sie sich endlich in diesem fremden Mann manifestierte, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die hektische Statik dieses Raums aufzulösen. Wie mit einem Tintenkiller löschte er die Zwischenräume — es gab keine Verbindungen mehr zwischen den Dingen, alles wurde eindimensional. Er war der lebendig gewordene Cliffhanger auf der letzten Seite eines Comics, brach mit dem Kopf durchs Papier und hielt dem Leser diesen mit Urin durchtränkten Köter vors Gesicht: Seht her! Ist das gut so? Wollt Ihr noch mehr?

Er setzte den Hund, der sich noch immer nicht rührte, auf den Boden, nahm ein Stofftaschentuch aus der Hostentasche und wischte sich langsam und sorgfältig die Hände damit ab. Dann blickte er dem Hund, der sich ganz still vor ihn hingesetzt hatte, in die Augen, sagte „Ab!“, und der Hund lief schnurstracks auf sein Herrchen zu, ein kleiner, hagerer Mann in einem viel zu großen, grauen Anzug, der kreidebleich vor dem kleinen Kaffee-Tresentischchen neben der Kasse stand und sich gerade den obersten Hemdknopf öffnete. Die Menschen standen jetzt in einer Reihe nebeneinander an der uns gegenüberliegenden Seite des Raumes und starrten uns noch immer wie hypnotisiert an. Draußen hörte man eine nasale Frauenstimme in verschiedenen Sprachen Flugnummern und Namen aufsagen, irgendwo schrie ein kleines Kind nach seiner Mutter. Ich sah durch das Schaufenster hinaus in den Wartesaal mit seinen royalblauen Sitzreihen. Weiter hinten blinkte irgendeine Anzeigetafel, davor eine Gruppe Flugbegleiter. Das Leben ging hinter diesen Glasfenstern scheinbar wie gewohnt weiter.

Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie sich die träge Schlange hinter mir an der anderen Wand langsam zu regen begann, die Mutter des dicken rothaarigen Mädchens machte den Anfang: „Das ist doch …, also wirklich, haben Sie das gesehen?“, sagte sie und sah dabei reihum in die Gesichter der anderen Schlangenglieder, als wollte sie sich vergewissern, dass ihr auch jemand zuhörte. Wie auf Knopfdruck bewegten sich nun diese Figuren wie kleine Atomteilchen im Raum umher, stießen hier und da jemanden an oder schlängelten sich an ihm vorbei, begleitet von einem zurückgenommenen Murmel-Sound und der Radiomusik aus den Lautsprechern, die ich jetzt erst wahrnahm. Wie auf der Titanic …
Der Mann neben mir warf das Taschentuch auf den Boden und stülpte einen der kleineren Koffer über die Ziehstange des größeren; einen dritten, eher altmodischen Lederkoffer nahm er in die andere Hand, wies mit dem Kopf in Richtung Ausgangstür und sah mich an:
„Komm!“
Ich zögerte.
„Na los! Wir dürfen keine Zeit verlieren!“

Ich folgte ihm, keine Ahnung warum. Um uns herum herrschte wilde Betriebsamkeit, die Ansagen in den Lautsprechern überschnitten sich gegenseitig wie bei einem Echo. Auf den großen Tafeln, die uns wie bedrohliche Wächter auf unserem Weg beobachteten, waren nur noch Kreuze und Striche zu sehen. Menschen sammelten sich davor, kratzten sich die Hinterköpfe oder zuckten mit den Schultern. Irgendwas stimmte hier nicht.
„Dein Flieger wird nicht kommen“, sagte der Mann.
Ich hatte Mühe, seinen schnellen Schritten zu folgen. Auch meine Gedanken waren viel zu langsam für das, was hier gerade passierte.

Ich war irgendwie viel zu langsam.

Er zeigte mit dem Kopf auf ein Schild, darauf ein Pfeil und das Parkhaus-Symbol. Irgendwas hatte ich vergessen, aber was?
„Deinen Koffer haben wir mitgenommen, der ist in Sicherheit.“, sagte er, ohne sich nach mir umzudrehen. Jetzt konnte er auch noch Gedanken lesen. Großartig.
„Da drüben!“
Vor uns wurde eine Schwingtür mit der Aufschrift „Ebene 3“ geöffnet. Ein Mann mit Mafioso-Hut und Goldrand-Sonnenbrille nickte meinem Begleiter zu und winkte uns durch. Hier war es mindestens 5 Grad kälter. Und ruhiger. Der Mafioso zeigte auf einen roten Mini.

Als ich noch immer überlegte, wie wir es geschafft hatten, seine drei Koffer und uns in das kleine Auto zu zwängen, waren wir auch schon auf der Ausfahrt zur Autobahn.
Ich drehte mich um und blickte aus dem Heckfenster.
Der Flughafen war nicht mehr da.

… to be continued …

„Terminal, rückwärts“ (Teil 1)

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