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III

Er blickte auf die Schlagzeilen der Zeitungen in seinem Schoß. Sein Arm meldete sich zurück, er spülte zwei Paracetamol mit dem Kaffee runter, zündete sich eine neue Zigarette an und sah zu Lotte hinüber.
Lotte war das Zentrum, die Unerreichbare, die Bienenkönigin.
Sie hatte ihre Bilder nebeneinander an die Wand gestellt, ging zwei Schritte zurück und sah sie sich mit verschränkten Armen an. Porträts einer Frau in ihren verschiedenen Altersstadien.
„Das ist Scheiße …. das ist alles Scheiße!“
Sie band sich die Haare zusammen, ging zum Kachelofen hinüber und nahm sich eine der roten Farbtuben. Sie drückte deren Inhalt auf den Leinwänden aus, holte dann eine schwarze Farbtube und tat dasselbe damit.
„Was tust du denn da?“
„Das ist nicht echt … Ich wollte, dass sie mich ansieht, ich wollte ihren Blick einfangen, aber jetzt ist sie da drinnen eingesperrt!“
Lotte hatte das schon öfters getan. Sich monatelang eingeschlossen und gemalt. Und jedesmal, wenn ihre Bilder dann ausgestellt werden sollten, gefielen sie ihr nicht mehr, sie wurde von Tag zu Tag fahriger und am Ende zerstörte sie dann alles, verschwand tagelang, um dann mit neuen Projekten anzufangen. Das letzte Mal hatte sie alles mithilfe einer Haarspray-Flasche verbrannt. Es ist die Erneuerung, hatte sie dann immer gesagt, es darf nicht fertig sein, sonst stirbt es.
Das Telefon klingelte in einem widerlich schrillen Ton eine noch widerlichere Melodie. Er wollte aufstehen und den Hörer abnehmen, damit endlich Stille sein würde, aber ihm wurde schwindelig und er musste sich wieder hinlegen.

Lotte war eines dieser Trip-Hop-Mädchen, das ihren Freundeskreis aus Germanistik- und Kunst-Studenten rekrutierte, die alle viel jünger waren als sie. Sie scharte ihre Helferinnen um sich und ließ sich von jedem Mann begatten, der ihr irgendeinen Vorteil versprach. Sie mache das alles für ihre Kunst, sagte sie dann. Es ist Teil des Prozesses, das verstehst du doch.
Sie und ihre Groupies trafen sich jeden Freitag im Tacheles. Dort wartete sie auf ihren Boten aus dem „Obst und Gemüse“, der ihr angeblich das „beste Gras der Stadt“ verkaufte. Meistens war es dann doch schlecht gepresster Pott zu überhöhten Preisen. Der Bote war einer dieser stehengebliebenen Esso-36-Spinner, der nun seine Kundschaft auf Mitte und Friedrichshain ausgeweitet hatte, was seine Nebentätigkeit zu einem lukrativen Hauptgewerbe anwachsen ließ. Im „Osten“ waren Rasta und Cordhosen mit 10 Jahren Verspätung angekommen und gerade Avantgarde. Er gehörte eigentlich schon zur neuen Generation. Seinen Kunden war es egal, dass sein Zeug 10 Mark pro Gramm kostete, Dope kaufen gehörte jetzt zur neu gewonnenen Freiheit.
Er wusste, dass Lotte dann und wann mit dem Boten in die Kiste stieg, doch das störte ihn nicht weiter. Sie selbst konnte gut von den 30 % Anteil leben, den der Bote ihr für die Akquise von Neukunden zahlte, und er profitierte schließlich auch davon.

Das Paracetamol begann zu wirken, er wurde müde und das Pochen in seinem Arm vermischte sich mit dem Klingeln des Telefons, bis es abrupt abbrach, als Lotte den Hörer abnahm und den Anrufer anbrüllte. Vermutlich der Galerist. Er versuchte ruhig zu bleiben und nichts zu sagen. Lotte knallte den Hörer auf, zog ihr Strickkleid über und die Martens an und verschwand aus der Wohnung, nicht ohne den üblichen melodramatischen Abgang und das Türenknallen. Diese Nacht würde sie nicht nach Hause kommen. Den nächsten Tag auch nicht.

Mit Sporty war ihm eine sehr lukrative Haupteinnahmequelle weggebrochen. Es war ein easy Job als Kurier. Er hatte mit eiserner Standhaftigkeit den Verlockungen des Geldes widerstehen können, legte sich jeden Pfennig zurück. Er hatte schon mit zwei Verpächtern gesprochen, die ihm ihre Kellerräume für 3 Monate zur Verfügung stellen wollten, natürlich unter den üblichen Bedingungen. Der Osten von Berlin war ein Mekka für „Underground-Clubs“. „Vintage“ und „shabby“ im wahrsten Sinne des Wortes. Und das Konzept ging auf.  Die gängige Praxis der Wochenbars, die wie Pilze aus dem Boden schossen und genauso schnell und lautlos wieder verschwanden, war einfach: Eine Bar für jeden Wochentag, meist in Hinterhof-Kellern, leerstehenden Tante-Emma-Läden oder Wohnungen. Keine Werbung, das Publikum rekrutierte sich über Mund-zu-Mund-Propaganda, Studenten, arbeitslose Künstler oder Neugierige. Bier, Cola und Caipi, alles unter 3 Mark. Mehr brauchte es nicht, und der Laden brummte. Wurde es dann irgendwann zu voll oder bekannt, machte man den Laden einfach dicht, sponn irgendwelche Mythen um eine heimliche Neueröffnung, und ein halbes Jahr später dann dasselbe unter neuem Namen und neuer Adresse.

… to be continued ….

Der Kratzer [Teil 1]

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