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I

Er hatte alles genauso gemacht, wie sie es verlangt hatten. Der VW stand zwei Häuserblocks weiter in einer Seitenstraße, der Schlüssel steckte und die Sporttasche hatte er auf die Rückbank gelegt. Was für eine Schnapsidee. Er spuckte auf die Straße. Ihm war schlecht, sein Arm pochte immer lauter und er blutete wie ein Schwein. Er nahm sein Halstuch ab, band es umständlich um die Wunde und fluchte laut, als ihm die klebrige, rote Flüssigkeit wie in Zeitlupe auf seine Chucks tropfte. Vor ihm schmiegten sich dutzende Fahrräder an die immer zu wenig vorhandenen Fahrradständer, von einigen war nur noch ein Rad oder ein Schloss übrig. Wie spät war es? Er drehte sich noch einmal um, sah die verknoteten Beine des Riesen auf dem Kopfsteinpflaster liegen, die noch vor Kurzem wie im Affenzahn hinter ihm hergerannt waren. Die Zeit war irgendwo zwischen dem dritten Gin Tonic und dem Anruf von Tom verloren gegangen. In seinen Ohren fühlte er meterhohe Wellen, die ihm in regelmäßigen, dumpfen Intervallen von innen gegen die Schädeldecke prallten. Es mussten Stunden vergangen sein, auf der Straße wimmelte es von Menschen, die sich wie eine wabernde Masse in Richtung U-Bahn schoben. Verdammt nochmal, heute ist Montag. Junge Schülerinnen mit Fick-Mich-Parfum blickten ihn naserümpfend an, als er sich ihnen gegenüber auf die Bank setzte und versuchte, so betrunken wie möglich zu wirken, um von seinem eigentlichen Zustand abzulenken. Du musst dich unter die Leute mischen, hatte Tom gesagt, auf keinen Fall irgendwo alleine hingehen. In der Menge können sie dich nicht orten … Er hatte nicht verstanden, was Tom damit gemeint hatte, er wollte jetzt einfach nur so schnell wie möglich zum Treffpunkt fahren, ihm die zwei Briefumschläge übergeben, die Kohle kassieren und ab nach Hause. Lotte musste noch da sein, sie war immer da, wenn er von seinen nächtlichen Touren nach Hause kam. Der Waggon ruckelte, die Mädchen gegenüber waren inzwischen aufgestanden und stiegen aus. Durch das Fenster sah er Toms grüne Strickmütze. Aber er sollte ja weiterfahren, sie würden sich vier Stationen weiter treffen, an der Spielothek. Da war um diese Zeit niemand.
„Irgendwas Auffälliges?“
Er konnte das Handy kaum halten, so sehr zitterte er.
„Was denn jetzt?“, zischte es in sein Ohr. „Jaja, alles ok. Bin gleich da.“
„Lauf noch mal um den Block, bevor du reingehst, das ist sicherer!“

Urlaub für Kurzentschlossene stand auf dem halb abgerissenen Plakat neben dem Eingang, auf dem ihm ein junges Paar mit perfekten weißen Zähnen und in Backpacker-Outfit anstrahlte. Er klopfte zweimal und wartete. Das Blut auf seinen Chucks hatte inzwischen eine fast schwarze Farbe angenommen. Lotte … Die Tür gab ruckartig nach und eine Hand zog ihn blitzschnell nach drinnen, ausgerechnet am verletzten Arm, sodass er kurz aufschreien musste. Zwischen die zwei schwarzen Balken, die sich von außen vor seine Augen schoben, drängten sich pinkfarbene Leuchtbuchstaben, eine Stimme redete von weit weg auf ihn ein. Er taumelte, zwei muskulöse Arme fingen ihn von hinten auf und er spürte noch, wie sein Kopf auf etwas Weiches gelegt wurde. Dann wurde es schwarz.

II

Der liebe Gott musste sie besonders lieb haben, wenn er sie mit einem so schönen Körper ausstattete. In der Luft der Geruch von frisch gewaschener Wäsche und Kaffee. In praller, runder Herzform starrte ihm ihr Hintern entgegen und ihm blieb nichts anderes übrig, als langsam mit seiner Hand in die heiße Mitte zwischen ihren Schenkeln zu fahren. Bevor er sich ihren Geschmack von den Fingern lecken konnte, hatte Lotte sich schon umgedreht, sich auf ihn gesetzt und in sich hineingeschoben. Es dauerte nur wenige, tiefe Stöße bis er kam, und er war völlig erschöpft. Er hatte das Gesicht dieses Riesen vor Augen, wie er ihn angesehen hatte, als er ihn in das Büro von Sporty geführt hatte. Die gigantischen Hände, die ihn an die Jacke fassten, und in seinen Hosentaschen nach irgendwelchen Waffen absuchten. Er hatte sich gefragt, ob die restlichen seiner Körperteile auch diese Ausmaße hatten. Sporty hatte von seinem Schreibtisch aus, der eigentlich ein alter Billardtisch war, seine Stimme erkannt und ihm zugerufen, er solle reinkommen. Der Riese ging einen Schritt zur Seite und schien nun besserer Laune zu sein. Es war sogar ein schwaches Lächeln auf seinem massigen Gesicht zu erkennen. Er konnte sich noch erinnern, wie Sporty seine blödsinnige Schlüsselkette aus der Hostentasche gezogen und mit einem der Schlüssel die oberste Schublade des Tisches aufgeschlossen hatte, um ihm anschließend zwei Din-A-4-Umschläge in die Hand zu drücken. Er hatte die ganze Zeit über geredet, wie er es immer tat, irgendwas über neue Möglichkeiten und bald wird alles anders werden, du wirst schon sehen! Dann der Knall, überall Rauch. Alles danach waren Bruchstücke, Farben, Geräusche, der beißende Geruch. Sie liefen, der Riese hinter ihm rief ihm irgendwas zu, dann ein Schrei und der stechende Schmerz in seinem Arm. Jetzt erst wurde ihm bewusst, wieviel Glück er gehabt hatte. Sie mussten ihn für tot gehalten und einfach liegengelassen haben. Arschlöcher haben immer Glück.“
Wie geht´s deinem Arm?“
Lotte hatte sich ihren Bademantel übergezogen, schwarzes Satin mit kleinen Totenköpfen drauf. Die eine Schläfe war abrasiert, auf der anderen Seite fiel ihr langes, rotes Haar über ihre Schulter.
„Geht schon.“
Sie brachte ihm einen Becher mit Instant-Kaffee, zündete sich zwei Zigaretten an und stecke ihm eine davon in seinen Mund.
„Tom sagt, du sollst erstmal ein paar Tage hierbleiben. In deiner Wohnung ist es jetzt zu unsicher.“
Sie warf ihm ein paar Zeitungen in den Schoß.
„Wie lange war ich denn weg?“
„Zwei Tage.“
Er nahm einen Zug und fühlte sofort, wie sich das Nikotin erst in seinen Gliedmaßen und dann in seinem Kopf ausbreitete und wie die Serotonine wellenartig durch seinen Körper flossen.
„Zwei Tage? … So´ne Scheiße … Sporty?“
„Von dem ist nicht mehr übrig. War nur noch ein schwarzes Gerippe. Du hast Glück, dass du noch lebst. Der Riese hat dich in einem Anfall von unerwarteter Blitzreaktion scheinbar nach draußen gestoßen, und dabei ist ihm einer der Spielautomaten um die Ohren geflogen. Keine Chance.“
Ihn schauderte. Aber nicht von dem, was er gehört hatte.

… to be continued …

 Der Kratzer [Teil 2 ] 

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