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Ein November-Samstag, es ist warm für die Jahreszeit, eigentlich keine Ausrede zum Aufwärmen. Ich hatte vergessen, wie früh es jetzt dunkel wird. Vorbei an spitzen, weißen Türmen, einem leeren Nobel-Restaurant. Drinnen riecht es nach Wellness und sauber gewaschenen Körpern, warme Grautöne und Design im Asia-Stil. Aus allen Ritzen strömt aufdringlich ruhige Ambient-Musik, gerade so laut, dass man nicht darauf achtet. Wo sie bloß die Lautsprecher verstecken, frage ich mich und bezahle für 2 Stunden Aufenthalt. Es ist voll, wird mir gesagt, ich müsse 10 Min. warten. Ich habe das Bedürfnis, mich noch mal zu duschen, bevor ich diesen Hygiene-Tempel betrete mit all den schönen, perfekt rasierten und gesund aussehenden Leibern. Die Uni-Umkleide ist eigentlich gar keine, auf Geschlechtertrennung wird dennoch Wert gelegt, ab und zu ein Blick zur anderen Seite und umgekehrt, vielleicht erhöht das ja die Spannung. Ich bin irritiert, streife mir nackt meinen mitgebrachten Bademantel über, schließlich will ich als Erstes in die Finnische Sauna. 10 Min., dann 15, länger halte ich es in der Regel nicht durch.

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Sauna-Besuch erinnern. Mit 12 war ich die Jüngste und hab mich unheimlich geniert, obwohl ich recht offen erzogen worden bin und Nacktheit in meiner Familie nie ein Problem darstellte. Im Gegensatz zu meinen Eltern war ich ziemlich prüde, ich hasste es, wenn meine Mutter nach dem Duschen nackt und singend durch die Wohnung ging oder sich ohne lange zu Fackeln oben ohne an den Strand legte. Das war in den 80ern.
So war der erste Sauna-Besuch für mich die reinste Hölle, ich hatte keinen Schimmer von den ganzen Ritualen, wann man ein Handtuch umbindet und wann nicht, und es hat gefühlte Stunden gedauert, bis ich mich getraut habe, von der Dusche in die Sauna zu gehen. Die Handtücher hab ich immer möglichst nah an den Glastüren aufgehängt, um mich so schnell wie möglich wieder einwickeln zu können. Ein paar Jahre später sollte ich dann wieder in eine Sauna gehen, da war ich 17. Ich hatte mein Handtuch irgendwo liegen lassen und konnte es nicht wiederfinden. Also ging ich wie Gott mich schuf durch die riesige (zumindest kam es mir so vor) „Sauna-Landschaft“ (wieso eigentlich Landschaft?) und war plötzlich von einer Horde männlicher Sportler der ortsansässigen Handball-Profi-Mannschaft umgeben. Alle hatten brav ihr SG-Flensburg-Handewitt-Vereins-Handtuch um die Lenden gewickelt. Das war – abgesehen von einem zugegebener Maßen leichten post-pubertären Nervenkitzel – so ziemlich der schlimmste Tag in meinem Leben.
Später ging ich regelmäßig in die Sauna, die anfängliche Scham wich einem Gefühl der Freiheit. Mir gefiel das Schweigen, der Geruch der Sauna-Aufgüsse. Für mich war die Sauna jahrelang immer der einzige Ort, an dem Nacktheit keine Rolle spielt, weil alle nackt sind, und wo ich mich und andere als gleichberechtigt a-sexuell betrachtet habe. Eine Art Rückzugsort in der ansonsten aufgesexten Hauptstadt.
Heute sitze ich in dieser riesigen Wellness-Anlage, habe mich inzwischen an die Musik und die Eitelkeiten gewöhnt, und gehe nichts ahnend zu dem berühmten Sole-Becken, welches die vollkommene Entspannung für „Geist und Körper“ verspricht. Eine riesige Badewanne, überall irgendwelche Schwimmkissen und ähnliches Zeugs, sogar unter Wasser wird man abwechselnd mit Klavier- und softer Elektromusik beglückt, die ein DJ in einem Glaskasten am anderen Ende des Raumes abspielt. Tatsächlich ist es angenehm, das Schweben auf dem warmen Salzwasser, mit Lichtorgel. Erst jetzt fällt mir auf, dass hier eigentlich nur Pärchen sind. Zwei Männer stehen neben mir am Beckenrand und küssen sich eng umschlungen. Romantik im Salzbecken, denke ich und muss unwillkürlich an eine kitschige Daily-Soap denken, die ich mir früher immer angeschaut habe. Ich lasse mich zum anderen Ende des Beckens treiben und schwebe an einem Pärchen vorbei, das sich verhakt in der Mitte der Wasseroberfläche im Kreis dreht. Die Frau mit der Hand in der Badehose des Mannes in eindeutig rhythmischen Bewegungen. Hab ich was verpasst, wundere ich mich, vielleicht ist heute ja ein Motto-Tag, „Kit Kat Club under water“ oder sowas. Warum eigentlich nicht. Aber irgendwie hatte ich mir das heute schon anders vorgestellt, verlasse das Salzbecken und setze mich an die riesige Bar, um mir einen der seltsamen Getränke zu bestellen. Mit B12, Eisen und Magnesium. 4,90 Euro. Ein Orangensaft hätte es auch getan.

Auf dem Rückweg nach Hause gehe ich beim Rossmann vorbei und kaufe mir eine Avocado-Gesichtsmaske. Ich mach heute Wellness.

 

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