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hornbrilleKostenübernahme durch die Krankenkasse, denke ich und schaue auf das gelbe Blatt Papier in meinen Händen, kaum größer als ein kleines Notizbuch. Nulltarif wurde mir gesagt, Einsicht-Gläser incl. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, dass es da überhaupt Unterschiede gibt. Die Filiale ist voll, Mittwochnachmittag, seltsam, denke ich. Ob die jetzt alle frei haben? Ich setze mich an einen dieser kleinen Tische mit den hübschen Spiegeln und warte brav, bis ein Fielmann-Berater zu mir kommt. „Wollen Sie Glas oder Kunststoff, getönt oder ungetönt, entspiegelt vielleicht?“
Seit meinem 5. Lebensjahr muss ich eine Brille tragen. Aufgeregt war ich damals, cool, dachte ich (ok, das Wort „cool“ kannte ich damals noch nicht). Ich fand alles toll, was neu und anders war. Das war 1979. Da gab es noch keine schicken Designer-Modelle von Joop oder Dolce und Gabbana. Zumindest nicht für 5-Jährige. Auch waren die Brillen nicht geschlechtsspezifisch, sondern Einheitsmodelle, große Hornbrillen, deren Fassungen bis weit über die Augenbrauen ragten, sodass zwangsläufig jeder kindliche Brillenträger zum Nerd wurde.
NERD … das war damals noch ein Schimpfwort. Die waren nicht hip, sondern wurden in den großen Pausen in der Schultoilette eingesperrt oder mussten im Sportunterricht auf der Ersatzbank sitzen, weil keiner sie in ihre Völkerball-Mannschaft wählen wollte. Ich hab Mannschaftsspiele eh immer gehasst, besonders wenn sie was mit Bällen zu tun hatten. Wie oft hatte ich Medizinbälle ins Gesicht bekommen und musste danach wochenlang mit einer notdürftig mit Pflaster geflickten Brille herumlaufen. Das Klischee eines Opfers. Auch hab ich nie begriffen, warum es so aufregend war, gegen irgendjemanden zu gewinnen. Es gab ja schließlich keinen Preis dafür. Schokolade oder so. Oder einen neuen Satz „Dr Bibber“-Organe. Hat sich eigentlich jemals einer über die fragwürdigen pädagogischen Ziele von Völkerball Gedanken gemacht? Schüler dazu aufzufordern, sich gegenseitig mit Bällen Schmerzen zuzufügen und den Brutalsten von allen dann als „Sieger“ zu küren. Die übervorsichtigen Prenzlauer-Berg-Muttis in meiner Straße schalten sofort einen Coach ein, wenn ihr Kind mal aus Versehen in einen Nicht-Bio-Apfel beisst.
Heute trägt man wieder „Nerd“ – alles, was zu meiner Zeit als hässlich galt und mir ein lebenslanges Trauma verursacht hat, ist nun zur Alltagskluft der homogenen Masse an Überindividuellen geworden. Man trägt übergroße, teure Hornbrillen und arbeitet in einer Werbeagentur. Also von wegen Don Draper. Coolness geht anders.

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