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(c) Carlsen Verlag

Selten hat eine Geschichte mit einer solchen Leichtigkeit und Eleganz das Thema Entfremdung und Einsamkeit erzählt. Und noch seltener ist es jemandem gelungen, die Fragilität eines solchen Gegenstands mit so viel Witz und Farbenfreude in einer Graphic Novel umzusetzen. Was vielleicht daran liegen mag, dass sich die Autorin Pénélope Bagieu ausgerechnet Boulet als Zeichner ausgesucht hat. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls ergänzen sich die beiden künstlerischen Elemente perfekt und herausgekommen ist ein wunderbar poetisch und zugleich ironisch erzähltes Frauen-Comic, das gar keins ist. Zumindest will es das nicht sein.

Die Suche nach der eigenen Identität

„Wie ein leeres Blatt“ erzählt die Geschichte der jungen Pariserin Eloise, die sich auf einer Parkbank wiederfindet und an nichts mehr erinnern kann. Wie Gregor Samsa wacht sie in einer ihr fremden Welt auf. Doch wo andere in Panik geraten, beweist sie eine fast schon stoische Gelassenheit. Mitten in der Nacht irrt sie in einer wilden Metro-Odysee durch Paris, findet schließlich ihr Appartement und glaubt sich sicher. Sie beschließt abzuwarten, bis ihre Amnesie sich lege. Doch auch am nächsten Tag fühlt sie sich wie in einer Parallelwelt. Also beginnt sie zu recherchieren und alles über die Person herauszufinden, die sie zu sein scheint und entdeckt, dass es nichts zu entdecken gibt: Die Frau Eloise ist profillos, durchsichtig, hinterlässt keine Spuren. Und jetzt wird die Geschichte interessant: Sie beschließt, das Leben – ihren Alltag – weiterzuspielen, als wenn nichts gewesen wäre und begibt sich dabei auf eine buchstäbliche Suche nach sich selbst mit einem überraschenden Ergebnis.

Schreiend komisch und modern-tiefsinnig

Was auf den ersten Blick als eine post-feministische Selbstfindungsstory daherkommt, entpuppt sich schon bald als eine urkomische, selbstironische und intelligent gestaltete Graphic Novel, deren bildliche Umsetzung fast filmische Elemente enthält. Hier wird kein Genre ausgelassen: von den verschrobenen Figuren á la Woody Allen über Spionage- und Film-Noir-Elemente eines Hitchcock bis hin zu karikierten literarischen Verweisen. Dabei ist „Wie ein leeres Blatt“ kein einziges Mal langweilig. Die Protagonistin treibt – oder besser – stolpert von einem Kapitel ins nächste und ist dabei so herrlich normal – und dabei so ganz anders als ihre asiatischen oder amerikanischen Manga-Schwestern. Gott sei Dank.

Die Zeichner

Pénélope Bagieu (*1982) ist Illustratorin und Cartoonistin aus Paris. Ihr Blog „Ma vie est tout á fait fascinante“ wurde ein virtueller und literarischer Erfolg, ebenso ihre dreibändige Comic-Serie JOSEPHINE. EINE ERLESENE LEICHE kam im Rahmen der Reihe „Bayou“ 2010 in die Auswahl des Comic-Festivals von Angoulême.

BOULET (*1975) ist einer der bekanntesten französischen Cartoonisten. Er hat zahlreiche Comic-Reihen veröffentlicht, u. a. RAGHNAROK und LA RUBRIQUE SCIENTIFIQUE, und setzt Maßstäbe mit seinem Webcomic-Blog www.boulecorp.com, aus welchem die sechsbändige Serie NOTES entstanden ist.

BOULET/PÈNÈLOPE BAGIEU: Wie ein leeres Blatt.

Carlsen Verlag 2013. 208 Seiten.

Flexcover mit Spot und Gummiband.

Preis: € 17,90

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